"Pieks" - Rezension im Deutschlandfunk
Helme Heine: „Pieks“
Das letzte Bilderbuch von Helme Heine
Von Thomas Linden
Deutschlandfunk, Bücher für junge Leserinnen und Leser, 22.08.2026
Helme Heine erzielte mit seinen Bilderbüchern Millionenauflagen. Nach seinem Tod im letzten Herbst erscheint jetzt ein Titel, den er noch selbst vollendet hat. „Pieks“ erzählt voller Optimismus von einem Igelmädchen, das das Mutigsein erst durch den Verlust seiner Stacheln lernt.
Helme Heine
Pieks
Diogenes Verlag
32 Seiten
20,00 Euro
Seine kostbarsten Waffen trägt das Igelmädchen „Pieks“ immer bei sich. Vorsicht ist geboten, denn wer sich, wie der Elefant, gedankenlos auf das kleine Igelkind setzen will, wird heftig gepiekst. Den Aufschrei des mächtigen Elefanten vernehmen alle Tiere. Auch dem Löwen, dem Krokodil oder dem Fuchs erging es nicht anders. Ihnen stecken noch Stacheln in Tatzen oder Nasen, nachdem sie der Igelin zu nahegekommen sind. Wer Pieks fressen will, erfährt eine schmerzhafte Lektion.
Auch in seinem letzten Bilderbuch, das er vor seinem Tod im letzten Jahr noch fertigstellen konnte, stärkt Helme Heine den Kindern in Gestalt des Igels, mit einer feinen Geschichte noch einmal den Rücken: „Pieks hatte vor niemandem Angst. Ihre Stacheln schützten sie. Stolz und aufrecht ging sie durchs Leben.“
Mut erwächst aus Verletzlichkeit
Durch konsequenten Widerstand erwirbt sich das Igelmädchen den Respekt der vermeintlich mächtigeren Tiere. Aber niemand ist unverwundbar. Heine war nicht nur Autor, sondern auch Regisseur und Schauspieler. Wer weltweit 25 Millionen Bücher verkauft, muss den Nerv einer ziemlich diversen Leserschaft getroffen haben. Zwei Komponenten seien dafür notwendig meinte er: Kopf und Herz. Ersteres nennt man auch Dramaturgie. So wird aus den Erlebnissen des Igelmädchens erst eine Geschichte, nachdem Pieks ihre Allzweckwaffe verloren hat. Mit jeder ihrer Verteidigungsaktionen büßte sie Stacheln ein, bis letztlich nur noch ein einziger übrigbleibt.
„Nun musste sie sich vor ihren Feinden verstecken, und auf einmal hatte sie Angst. Als die Nacht kam, suchte sie Schutz auf einem Baum.“ Das zuvor so gelassen schmunzelnde Wesen bekommt nun ein sorgenvolles Antlitz. Ein Igel ohne Stacheln sieht aus wie eine Maus ohne Fell. Helme Heine zeigt uns ein nacktes, rosa-farbenes Etwas, das seiner Umwelt hilflos ausgeliefert ist.
Zwar gibt es Ratschläge von befreundeten Tieren, wie den Vögeln auf dem Baum oder den Hasen, aber über deren Fähigkeit zu fliegen oder schnell zu rennen, verfügt es nicht. Pieks wird zu einem ängstlichen Wesen und landet prompt im Kochtopf des Fuchses.
Ein Meister der Reduktion
Sie kann jedoch entkommen und im Zuge einer Verfolgungsjagd kapert der Fuchs ein Baby. Auf einmal sind alle Ängste verflogen. Pieks erinnert sich instinktiv ihres letzten Stachels, mit dem sie den Fuchs in die Flucht schlägt und das Baby rettet. Ein solches Happy End reichte Helme Heine aber nicht. Er erweitert Pieks‘ Schicksal um ein mediales Spektakel. „Plötzlich war sie ein Star. Von überall kamen die Igel herbei, um ein Foto von sich und der berühmten Verwandten zu machen.“
Pieks wird zur Heldin stilisiert, sie sitzt in Talkshows und schreibt ihre Memoiren. Auch im für uns fernen Neuseeland, wo Helme Heine seinen Lebensabend verbrachte, hat er sehr genau beobachtet, wie Kinder heutzutage mit digitalen Medien umgehen. An der Seite von Pieks möchten alle Tiere ein Selfie machen.
Seine Figuren waren ihm eine Herzensangelegenheit. Selbst der Fuchs wirkt mit seinem flauschigen Fell wie ein netter Kerl. Die schwerelose Stimmung dieser Bilderbücher, wie etwa den Bestsellern „Freunde“ oder „Die Abenteurer“, rührt auch daher, dass der Hintergrund weiß bleibt.
Das Weiß ist nicht nichts, sondern bietet der Fantasie eine Projektionsfläche. Zudem gibt dieses Weiß den Aquarellfarben eine frische Lebendigkeit. Alles wirkt freundlich und so unmittelbar, wie man es vor sich sieht. Heine entwickelt keine Raumtiefe, in denen seine Geschichten eine beziehungsreiche Komplexität entwickeln könnten. Die Handlung spielt sich stets im Vordergrund ab.
Auch deshalb bleiben seine Bilderbücher auch für die jüngeren Kinder verständlich. Auf charmante Weise holt er alle mit ins Boot. Und als Meister der Reduktion genügen ihm nur wenige Andeutungen, um mit drei blauen Strichen oder ein wenig Grün das Wasser oder eine Wiese darzustellen. Am Ende resümiert Pieks:
„Ihr seht, alles was man im Leben braucht, ist Mut und ein bisschen Fantasie.“
Man kann ihr kaum widersprechen. Aber Helme Heine zeigt auch, dass Talent, Können und ein besonderes Sensorium für das Gefühlsleben der Kinder dazugehören, um Bilderbücher zu schaffen, die Kinder auch morgen noch faszinieren.
Der Deutschlandfunk stellt ebenfalls eine Audiodatei der Renzension bereit: https://www.deutschlandfunk.de/helme-heine-pieks-100.html

