Zeiten

Zeit ist relativ - Überlegungen von Helme Heine

Ihr Lieben,

ich sitze in meinem Studio und genieße die Zeit, die ich habe. Bis auf einen grafischen Auftrag für die deutsche Botschaft, ohne Termindruck, habe ich Zeit, über die Zeit nachzudenken.

Das ist ein Verdienst dieses kleinen Virus’, der unsere Welt ausgebremst hat. Mein Garten und seine tierischen Untermieter haben keine Ahnung, wovon ich rede. Sie leben in einer anderen Zeit. Vielleicht kennen sie nur die Sonnenuhr oder sie kennen diesen Begriff gar nicht, sind wunderbarerweise zeitlos. Wir Erdenbürger blicken kritisch, misstrauisch auf die Zeit.

Wieviel Lebenszeit verbleibt uns noch, fragen wir uns? Wir sorgen uns, versuchen bewusst im Jetzt zu leben, eingeklemmt zwischen dem Nicht-Mehr der Vergangenheit und dem Noch-Nicht der Zukunft. Die Materialisten glauben sogar, dass die Zeit gleich Geld ist. Die Politiker, die Umwelt- und Klimakritiker warnen uns, dass es im Augenblick schon 5 Minuten vor 12 Uhr ist. Die Jugend ist sauer, weil der Bär nicht mehr tanzen darf. Wie heißt es so schön im Zauberberg bei Thomas Mann: Wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer. Das fördert die Langeweile. Und wenn man sich langweilt, wächst die Ungeduld und man macht Fehler.
Kierkegaard behauptete sogar, weil die Götter sich langweilten, schufen sie den Menschen… Und jetzt haben wir den Salat. Wir werden ungeduldig und fragen, ob es lange dauert, bis wir wieder wie früher durch den Tag eilen können.

Ich las neulich, die einzige Zeit, in der wir an ein Abendessen bei Kerzenschein denken, ist, wenn der Strom ausfällt. Lasst uns die alten Kerzenleuchter putzen und anzünden.

Seid herzlich gegrüßt
von Eurem Helme