Philosophie am Strand

Hallo Freunde,

eine gewisse Routine schleicht sich in unseren Alltag der Abgeschiedenheit. Ich bin nicht ganz so vorhersehbar, so pünktlich wie Herr Kant, nach dem die Königsberger Bürger ihre Uhren stellten, wenn er an ihrem Haus beim täglichen Spaziergang vorbeikam. Aber am späten Nachmittag gehen wir immer zum Long Beach, unserem hiesigen Badestrand. Kiki rast vorne weg, sie versucht seit 79 Jahren abzunehmen und ich zockele nachdenklich hinterher.

Mir kommt dann immer dieses hübsche Goethe-Gedicht in den Sinn, das er seiner geliebten Christiane Vulpius widmete:

Ich ging am Long Beach so für mich hin
und nichts zu suchen, das war mein Sinn…”

Und plötzlich taucht neben mir ein Kopf aus dem Meer auf und schaut mich an. Es könnte eine Robbe sein, aber in der Bay of Islands gibt es keine Robben, die leben nur auf meinem Kalender-Septemberbild oder auf der Südinsel in tausend Kilometern Entfernung. Oder -  ich traue mich kaum, den Verdacht auszusprechen… vielleicht ist es Friedrich Nietzsche. Dieser durchdringende Blick, diese feurigen Augen, die struppigen Schnurrbarthaare hängen weit über die Unterlippe. Er muss es sein!

Da ich weder einen Fotoapparat noch ein tragbares Foto-Telefon besitze, habe ich diese Begegnung in einer kleinen Skizze festgehalten.

Was wollte Friedrich N. mir mitteilen? Dass die Moral selbstmordgefährdet ist? Dass Apoll und Dyonisos, in Gestalt eines Virologen und eines Politikers, miteinander um die Wahrheit ringen müssen? Dass wir in einer Endzeit leben? Die QAnon-Anhänger würden es als ein geheimes Zeichen deuten, dass der Nihilismus nahe ist und Donald Trump ihr Erlöser.

Kiki kommt und fragt, ob ich den Seehund auch gesehen habe? Ich nicke und entschuldige mich still bei Friedrich N. “Schau mal, was ich hier gefunden habe,” sagt Kiki und streckt mir ihre Hand entgegen, in der ein eigrosser, geschliffener Kiesel ruht. “Ein Stein,“ sage ich und versuche enthusiastisch zu wirken. Sie nickt, “ist er nicht hübsch?” Mir kommt Einstein in den Sinn und ich begreife, dass der Raum und die Zeit, in der wir leben, abhängig ist von dem Licht, das in unsere Augen fällt.

Seid herzlich gegrüßt
Euer Helme

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