Der Besuch

Ihr Lieben, 

vor meinem Studio steht ja einer dieser fehlenden Steinsäulen aus Stonehenge. Wie dieser Fels aus England hier nach Russell gekommen ist, weiß ich nicht, aber diese Stele ist äußerst beliebt im hiesigen Tierreich und wird, ohne mich zu fragen, von zahllosen Vogelgattungen besucht.

Neuerdings übernachten auf ihrer Spitze zwei Gänse. Ich weiß es ganz genau, denn sie tragen keine Masken, sonst könnte man sie mit schlanken Enten verwechseln. Was mir missfällt, ist, dass sie sich nicht an den Mindestabstand von 1,5m halten. Andererseits ist dort auch nicht mehr Platz. Sie verbringen dort oben in luftiger Höhe ihre Nächte. Sie scheinen anderweitig liiert zu sein, denn sie machen keine Anstalten ein Nest zu bauen. Vielleicht sind es auch Tiere, die mit der Zeit gehen, dann könnten es auch zwei Ganter oder zwei Gänsinnen sein, die dort ein paar schöne Stunden gemeinsam verbringen.

Es ist jedenfalls ein sehr misstrauisches Paar. Ständig schauen sie sich um, ob sie beobachtet werden. Kaum haben sie mich erblickt, flattern sie davon, dabei hätten sie doch von einem älteren Herren nichts zu fürchten, auch wenn ich hin und wieder Kolleg*Innen von ihnen im Backofen habe. Aber das Gastrecht ist mir heilig.

Das Wort Angst müssen sie kennen. Sie wissen vielleicht nicht, wie es geschrieben wird, aber dieses Gefühl scheint ihnen nicht fremd zu sein, sonst blieben sie sitzen und würden warten, dass ich ein Foto von ihnen schieße, um meinen Sonntagsbrief-Leser*Innen zu beweisen, dass es sie gibt. Ich schließe aus ihrem ängstlichen Verhalten, dass es ältere Gänse sind, denn wie wir in unserer Corona-Krise erfahren haben, fürchten sich die Alten mehr als die Jungen. In der Jugend fühlt man sich unsterblich und Angst hat man nur vor den Gefahren, die man mit eigenen Augen erblicken kann - also Polizisten, Eltern, Lehrer, Chefs… Viren zählen nicht dazu.

Heute hatte ich den Wecker gestellt, um das Gänsepaar mit Kikis Fotoapparat zu knipsen, kam aber leider wieder zu spät, weil ich die Zeitumstellung vergessen hatte. Das Pärchen war schon weg. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten:

1. Gänse haben eine innere Uhr, die sich selbst umstellt.
2. Gänse sind hochintelligente Flattermänner mit einem enormen Erinnerungsvermögen, auch an das vergangene Jahr und den genauen Tag der Zeitumstellung.
3. Gänse hören sehr gut. Sie haben meinen Wecker vernommen, sind erwacht und fortgeflogen.

Jetzt muss ich aber schnell Schluß machen und NEUES produzieren. Kiki wird gleich kommen und sehen wollen, was ich zu Papier gebracht habe, denn die Rechnungen stapeln sich im Briefkasten.

Seid herzlich gegrüßt
von Euerm Helme
Teilen
Zurück